WARUM BOTS AUF INSTAGRAM NIEMANDEM HELFEN

In den letzten Wochen hat man überall von Bots und gekauften Followern gelesen (unter anderem haben Ladyvenom, Dortundhier und viele weitere darüber berichtet – danke euch allen). Besonders, wenn man sich mit den Themen Instagram und Influencer Marketing näher beschäftigt und/oder in diesem Bereich tätig ist. Mir kommt es so vor, als wäre dieser ganze Hype bereits wieder etwas verflogen. Genau deshalb möchte auch ich jetzt meine Gedanken zu dem Thema teilen, denn jede Person, die mit diesem Themenbereich auch nur entfernt etwas damit zu tun hatte, sollte sich damit beschäftigen. Das ganze Thema ist vor allem für Personen, die nur wenig auf Instagram aktiv sind oder nicht – wie ich – in dieser Instagram-Bubble leben, schwer zu begreifen. Ich habe mich daher dazu entschieden, den Artikel mit ein paar Basics zu beginnen. Wenn du schon Erfahrung mit Influencer Marketing hast, dann kannst du diese Zeilen getrost überspringen.

Geld verdienen mit Instagram

Ich bin aktuell als Fotograf selbstständig und ein Teil meiner Einnahmen kommt durch Instagram-Kampagnen zustande. Viele Leute, die eben nicht in dieser Instagram-Bubble leben, fragen mich immer wieder, wie das denn nun genau funktioniert. „Wie, du machst ein paar Posts auf Instagram und bekommst Geld dafür?“, „Funktioniert das so wie Youtube?“ sind in meinem Freundeskreis doch immer wieder an der Tagesordnung. Generell funktioniert das so, dass Personen mit großen Mengen an Followern mit ihrer Reichweite Geld verdienen können. Es verhält sich ähnlich wie mit Bloggern oder Youtubern: Eine Marke startet eine Kampagne und bezahlt die Instagramer (gerne wird hier auch der überstrapazierte Begriff des „Influencers“ benützt) dafür, dass sie das ein Produkt der Marke auf ihrem Kanal promoten. So war das zum Beispiel vor kurzem bei meiner Kampagne mit Gösser: Die Marke Gösser hat über eine Agentur mehrere Instagramer zum Schneeschuhwandern eingeladen, um das neue Produkt „Gösser Kracherl“ zu promoten. Jeder Teilnehmer musste zur vorher bestimmten Zeitpunkten 3 Posts auf Instagram teilen und wurde je nach Reichweite, Engagement Rate und Qualität entsprechend bezahlt. Mit einer gewissen Anzahl an Followern (ich würde sagen ab 10.000 Followern) hat man die Möglichkeit zwischen 50 und mehreren Tausend Euro zu verdienen. Mit meinen fast 15k Followern auf Instagram bin ich hier natürlich am unteren Ende der Skala einzureihen. Zusätzlich sollte man sich im Klaren sein, dass nur ein kleiner Bruchteil aller Postings auf einem Instagram-Kanal tatsächlich bezahlt sind (im Normalfall). In meinem Fall sieht das Ganze so aus: Aus meinen letzten 100 Postings auf Instagram sind 6 Posts aus Kooperationen entstanden, sprich für rund 6% der Postings wurde ich bezahlt. 😉 Jedes Posting, welches aus einer bezahlten Kooperation heraus entsteht, muss auch entsprechend gekennzeichnet werden. Dies passiert leider allzu oft nicht, also sollte euch immer bewusst sein, dass ein Instagramer möglicherweise Geld dafür bekommt, euch dieses neue tolle Produkt vorzustellen. In meinem Fall ist jeder gesponserte Post auf Instagram klar mit einem der Zusätze „#sponsored“, „#ad“, „Sponsored post.“ oder „Anzeige“ gekennzeichnet. Gerne beantworte ich auch Fragen zu Kooperationen!

Screenshot of the app Instagram.

So sieht einer meiner gesponserten Posts aus.

Screenshot of the app Instagram.

In diesem Fall: Mit #ad gekennzeichnet, ist der Post klar gekennzeichnet. (Gesehen bei @dortundhier)

Was haben Bots damit zu tun?

So, endlich kommen wir zum Thema. Zuerst einmal möchte ich sagen, dass rund 80-95% aller österreichischen „Instagram Influencer“ auf in irgendeiner Form auf Bots zurückgreifen oder zumindest zurückgegriffen haben. Ich werde jetzt einige dieser Vorgehensweisen vorstellen, bevor ich euch genauer erläutere, warum es sich hier nicht um ein #firstworldproblem handelt.

Der wohl älteste und einfachste Trick nennt sich „Follow-Unfollow“: Mittels Algorithmus folgt man automatisch einigen hundert Accounts, nur um einige Stunden später wieder zu entfolgen. Was das bringt? Stell dir vor, dir folgt jemand auf Instagram. Du siehst dir vielleicht seine Fotos an, in einigen Fällen wirst du dann beschließen, dieser Person ebenfalls zu folgen. Und schon hat der Nutzer einen Follower mehr und du merkst vielleicht gar nicht, dass er dir bereits wieder entfolgt ist. Diese Taktik wurde und wird immer noch im großen Stil betrieben. Sobald der Bot abgedreht wird, merkt man einen starken Rückgang der kurzzeitig angestiegenen Like- und Follower-Zahlen. Mehr zu dem Thema gibt es auch in diesem spannenden Blogpost von Anna, die selbst einmal Bots benutzt hat und darüber spricht.
Eine weitere beliebte Möglichkeit das Engagement auf Instagram zu steigern ist der klassische Like-Bot, welcher mittlerweile eigentlich zu einem Like-and-Comment-Bot geworden ist. Der Bot verwendet dein eigenes Instagram-Profil und liked sowie kommentiert für dich bei eingestellten Posts. So kannst du zum Beispiel einen Hashtag auswählen und der Bot liked alle Fotos auf dem Hashtag und kommentiert bei jedem x-ten Foto mit einem (oder mehreren) voreingestellten Kommentaren. Was denkst du, woher die Kommentare wie „Great shot!“ oder „Awesome post“ von völlig fremden Menschen kommen? Richtig, einfach von einem Bot. Genauso sind die zahlreichen Emoji-Kommentare, die völlig ohne Text auskommen, in vielen Fällen einfach von Bots verfasst worden und die Person dahinter hat niemals dein Bild gesehen. Was auch immer wieder vorkommt: Jemand kommentiert dein Foto mit einem belanglosen Kommentar und einige Stunden später liked die gleiche Person auch das Bild. In vielen Fällen ein klassischer #BotFail – hier war der Bot einfach schneller als der Mensch 😉
Ein weiterer bekannter Weg um an mehr Follower zu kommen ist folgender: Kauf sie einfach. Richtig, man kann Follower auch ganz einfach kaufen – um ein paar Euros bekommt man mittlerweile einige tausend Fake-Follower, damit die Zahl halt besser aussieht.
Dann gibt es auch noch Apps, die es dir erlauben, dir eine gewisse Anzahl an Likes zu „erspielen“. Das Prinzip funktioniert folgendermaßen: Du loggst dich in der App mit deinem Instagram-Profil ein und likest einige Postings, die dir vorgeschlagen werden. Für jedes Like erhältst du eine Anzahl an Coins, welche du wiederum für den Kauf von Likes oder Follows einsetzen kannst. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, sich direkt solche Coins zu kaufen.
Ganz neu am heiß umkämpften „Wie-bescheiße-im-auf-Instagram“-Markt sind sogenannte Kommentar-Gruppen: Hierbei bilden sich Gruppen auf Facebook, Instagram Direct oder einer anderen Kommunikationsplattform und versprechen sich gegenseitig, bei jedem Posting aller Teilnehmer zu kommentieren. Diese Gruppen bestehen im Normalfall aus bis zu 20 Personen, die dann verpflichtet sind, auf alle Postings mit mindestens 4 Wörter und einem Bezug zum Bild zu kommentieren. Diese Kommentare sind natürlich nicht nachvollziehbar, weil sie echt aussehen, aber ganz ehrlich – das ist doch der selbe Weg, wie Likes zu kaufen. Wenn ihr ehrlich gute Bilder macht, dann werden die Leute auch auf euren Bildern kommentieren und mit euch interagieren. Äußerst amüsant finde ich auch die Doppelmoral, die manche „Influencer“ haben, wenn sie an Comment-Gruppen teilnehmen und gleichzeitig die größten Verfechter einer bot-freien, ehrlichen Instagram-Welt sind.

Die meisten von euch denken jetzt vielleicht, „ja gut, aber was hat das mit mir zu tun?“ oder „Mein Gott, solche Probleme möchte ich haben“. Stimmt auch – zum Teil. Wir leben allerdings in einer Zeit, in der eine ganze Sparte mit Influencer Marketing beschäftigt ist und immer mehr Firmen auf Influencer Marketing setzen. Ein riesiger Haufen an Menschen lebt von dieser Industrie und für genau diese Leute ist das ganz und gar kein #firstworldproblem, sondern schlicht und einfach ein Verhalten, dass sie irgendwann den Job kosten kann, wenn Influencer Marketing den Bach runter geht.

Ach komm, ich will doch nur ein bisschen Aufmerksamkeit!

Ich glaube, genau das ist der Ansatz, den ein großer Teil der Bot-User und Follower-Käufer verfolgt. Ich bin überzeugt davon, dass der Großteil nicht mit einem bösen Hintergedanken handelt a la „Ich hol mir ein paar Fake-Follower und mische dann den Instagram-Influencer-Markt auf“. Klar, ist ja auch ganz nett, ein paar mehr Follower und Likes zu haben. Man muss wirklich nicht viel dafür tun, es kostet kaum etwas und zu Beginn ist es auch noch ganz lustig. Warum ist das überhaupt ein Problem? Lasst mich das mit einem Beispiel erklären. Stellen wir uns den 16-jährigen Oliver vor, der gerade zur Schule geht, gerne ein paar Fotos schießt und auf Instagram unterwegs ist. Er hat noch nicht wirklich viel Zeit in den Aufbau seines Profils investiert, da kommt schon das Angebot, sich für ein paar Euro Follower zu kaufen und genau das macht unser Freund auch. Sein Instagram-Profil bekommt immer mehr und mehr Aufmerksamkeit, er bekommt Tausende Likes auf seine Fotos und mehrere Kommentare, die ihm erzählen, wie sehr sie seine Bilder mögen. „Great Work“, „Love it!“, „Awesome post“, „Lit!“ – alles an der Tagesordnung. Ein paar Wochen später kommt eine bekannte Uhrenmarke auf Oliver zu und bietet ihm eine gratis Uhr an, sofern er einen Instagram-Post dafür verfasst. Eine gratis Uhr? Warum eigentlich nicht! Er promotet die Marke mit seinen Fake-Followern und Likes auf Instagram und bald kommt die nächste Promotion für ein Produkt und so weiter. Stellt euch jetzt vor eine Marke investiert mehrere Zehntausend Euro in eine Kampagne mit Influencern, alle Posten fleißig auf ihren Kanälen, nur kauft niemand das angepriesene Produkt. Die Marke wird wohl beschließen, dass Influencer Marketing nutzlos ist und nichts bringt. Im Endeffekt wird niemand von Influencer Marketing profitieren und schon gar nicht Oliver, denn mit gefälschten Zahlen hat er das ganze Geschäftsfeld ruiniert. Klingt nicht nach dem perfekten Plan oder? Was ich damit sagen will: Auf längere Zeit bringt die Verwendung von Fake-Followern, Bots, etc. niemandem was. Schon gar nicht den Betrügern, weil sie sich ihr eigenes Geschäftsfeld zerstören.

Wie findet man heraus, ob jemand Bots verwendet?

Es ist leider relativ schwer herauszufinden, ob jemand Bots verwendet, Follower kauft oder auf irgendeine andere Weise betrügt. Es gibt da allerdings ein paar Möglichkeiten.

Zuerst gibt es das Instagram Activity Tab, welches einen Teil der Aktivität eines Nutzers, dem du folgst, anzeigt. Mit einem Swipe nach rechts bei den Benachrichtigungen gelangst du zum Activity Tab. Vor allem zu ungewöhnlichen Zeiten (3 Uhr früh) lohnt es sich, einen Blick zu riskieren und man sieht wie manche Personen scheinbar 24/7 online sind und liken. Oft findet man auch sehr ungewöhnliche Bilder, wie das Bild eines kleinen asiatischen Mädchens oder eine Werbegrafik einer Aufschrift wie „Cheap Ray Ban glasses 15$“ – geliked von einem „Influencer“, dem du folgst. Man kann sich denken, dass da wohl nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann. (Siehe Screenshot)
Eine weitere populäre Möglichkeit ist die Website socialblade.com, auf welcher man sich den zeitlichen Verlauf von Metriken wie Followern, Follows und Likes einzelner User ansehen kann. Hier ist es wichtig darauf zu achten, dass ein Nutzer erst auf Socialblade hinzugefügt wird, wenn er das erste Mal gesucht wurde. Ein plötzlicher Sprung von 0 Followern auf 80k Follower spricht nicht für den Kauf von Abonnenten, sondern eher dafür, dass der Nutzer zuvor noch nie über Socialblade gesucht wurde. Man sieht auf Socialblade auch die täglichen Follows/Unfollows eines Nutzers und kann sich somit schnell ein Bild davon machen, ob jemand einen Follow-Unfollow-Bot verwendet. (Siehe Screenshot)
Ein weiterer Weg herauszufinden, ob jemand betrügt, ist einfach mit einer Vertrauensperson aus der lokalen Community zu sprechen. Hier in Wien arbeiten die @igersvienna bereits seit mehr als 5 Jahren mit der Instagram Community zusammen und veranstalten zahlreiche Instameets. Man kennt sich untereinander und weiß relativ genau, wie das Wachstum der verschiedenen Instagramer zustande gekommen ist. Vor allem für Agenturen ist es meiner Meinung nach relevant, hier auch einfach mal bei einem Instagramer des Vertrauens nachzufragen, ob er denjenigen kennt und mehr Infos hat.
Die Personen, denen ein Influencer folgt, anzusehen ist ein weiterer Weg, mehr herauszufinden. Es gibt definitiv Wege, Socialblade und co zu überlisten, also seht doch einfach mal nach, wem der Influencer folgt. Wenn sich hier ständig neue Accounts befinden, spricht das natürlich auch für eine Follow-Unfollow-Taktik.
Die Kommentare und Likes sind ebenfalls ein guter Indikator. Bekommt jemand nur Kommentare von leeren Profilen und Bots, spricht das natürlich nicht unbedingt für seine weiße Weste. Ein Influencer, der nie mit seinen Abonnenten kommuniziert und nur Standard-Kommentare erhält ist nicht nur verdächtig, sondern auch nutzlos für eine Promotion.
Bevor man allerdings jemanden verdächtigt oder an den Pranger stellt, ohne klare Beweise (socialblade, acitivity tab) zu haben, sollte man auf jeden Fall das direkte Gespräch suchen. Viele Influencer waren in Anfangszeiten auf der sogenannten Suggested User List, ihr schnelles Wachstum kam damals auf organischem Wege zustande und sie können dieses auch erklären.

A screenshot of Instagram.

Instagram’s Activity Tab zeigt an, was die Nutzer, welchen du folgst, gerade so treiben. Den Rest könnt ihr euch denken 😉

A screenshot of Instagram.

Eine Werbung für eine Uhren-Marke. Natürlich ohne gekennzeichnet zu sein.

A screenshot of a socialblade.com profile.

So sieht eine klassische Follow-Unfollw-Statistik aus.

Fazit

Ganz ehrlich, hörts auf mit dem Blödsinn, es hilft ja nix. So könnte das Fazit dieses Textes lauten. All diese Spielereien bringen kurzfristig Erfolg, aber wie immer im Leben kommt irgendwann alles zurück. Ich bin überzeugt davon, dass in Zukunft auch Agenturen und Unternehmen vermehrt darauf achten werden, mit wem sie zusammenarbeiten, weil sie ihr Geld auch nicht zum Fenster hinauswerfen wollen und es auch am Image eines Unternehmens nagt, wenn sich ein bekannter Influencer nächtens Bilder leichtbekleideter Minderjähriger liked.

Hier liegt es jetzt aber an dir, dieses Vorhaben voranzutreiben, indem du diesen Artikel teilst oder selbst deine Gedanken zu diesem Thema offenlegst. Ich glaube, dass man mit ehrlichem Content immer noch Erfolg auf Instagram und als „Influencer“ haben kann, dazu braucht es keine Bots oder andere Schwindeleien, sondern einfach nur verdammt viel Einsatz und Geduld. Bleib wie du bist und mach das, was dir Spaß macht.

2017-03-16T22:53:38+00:00